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Hummeldumm?

Ich hatte heute früh auf meinem Flug nach Berlin einen etwas ungewöhnlichen Flugbegleiter. Wie der süße Marienkäfer dann wegflog, dachte ich wegen seiner Flugkünste auch an den Hummelflug. (auch an den von Rimski-Korsakow)

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Nun aber zur Hummel:

Die Hummel 🐝, wir nennen sie aus Gendercorrectness mal Alex (m/w/d), war anders als ihre Kollegen. Sie interessierte sich für Bücher, las am liebsten Gedichte, hörte bevorzugt klassische Musik und verstand die Kollegen manchmal nicht, wenn sie den ganzen Tag ackerten und dann aber über den Job klagten.

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Die Geschäftsführung merkte schon bald, dass Alex durchaus eine Bereicherung sein könnte und eventuell sogar bei den Strategiemeetings teilnehmen könnte und in der Hummelschule, die liebevoll „die kleinen Brummer“ genannt wurde, aushelfen könnte. Alex hatte Freude daran, den Kleinen etwas von dem zu vermitteln, was ihr selbst lag. In den Strategiemeetings langweilte sie sich eher, weil jedes Mal das selbe besprochen wurde. Sich selbst mit neuen Ideen, die Alex durchaus hatte, musste man sehr vorsichtig sein, da man die Strategie „Dashabenwirschonimmersogemacht“ bevorzugte.

Die Kollegen von Alex waren bald neidisch auf sie. Sie musste weniger „ackern“, weniger Flugstunden und Überstunden, wenn der Lavendel blüht, gab es für sie nicht. Was die missgünstigen Kollegen nicht sahen, war, dass Alex manchmal bis tief in die Nacht die Meetings und den Unterricht vorbereitete.

Als sie sich über die verschiedenen Hummelarten schlau machte, fiel ihr eine ältere wissenschaftliche Publikation in die Hände, die nur wenigen Hummeln zugänglich war. Der Titel war: „Warum Hummeln nicht fliegen können“. Sie las alles. Sie konnte nicht begreifen, was da stand. „Wir fliegen doch alle!“, dachte sie sich. Da stand, dass Hummeln zu schwer sind und die Fläche der Flügel viel zu klein ist. Dieser Gedanke ließ sie nicht schlafen. Am nächsten Morgen fragte sie die Leiterin der „kleinen Brummer“, ob das stimme. Sofort wurde ihr angeraten, nein, befohlen, dass sie das niemanden erzählen dürfe und sie soll erklären wie sie an dieses Buch gekommen sei. Verschlusssache. Geheim. Nur für den Vorstand…

Es schien aussichtslos, hinter dieses Geheimnis zu kommen. Sie flog zurück in ihre kleine Wohnung. Sie versuchte weitere Informationen zu bekommen. Sie hatte keinen Zugang mehr zur Bibliothek. Als sie zum Unterricht gehen wollte, teilte man ihr mit, dass sie nicht mehr gebraucht werde. Auch sollte sie sich sofort beim Vorstand einfinden.

Dort angekommen blickte sie in sehr ernste Gesichter. Ihr wurde vorgeworfen, sich Bücher aus der Bibliothek geholt zu haben, die sie hätte nie lesen dürfen. „Wenn das rauskommt, dass wir eigentlich gar nicht fliegen können, stellen sie sich das mal vor. Was ist dann mit unseren Arbeitern? Die kommen sich ja als was ganz Besonderes vor und werden habgierig.“ Alex dachte bei sich, dass jede Hummel sowieso etwas Besonderes sei. „Wir nehmen sie in den Vorstand, sie dürfen, so wie wir, mit keinen anderen Hummeln über dieses Problem reden. Unsere Kinder können sie nicht mehr unterrichten und sie wohnen jetzt hier oben!“ Für Alex hieß das, dass sie umziehen musste und mit ihren Kollegen eigentlich gar keinen Kontakt haben würde. „Hier oben“ wurde streng bewacht. Den Vorstand sahen die Arbeiter eigentlich ganz oben auf einer Art Balkon, wenn die Monatspläne verlesen wurden.

Beim Auszug wurde sie von ein paar ihrer (ehemaligen) Kollegen angesprochen und gefragt, wie sie das denn geschafft habe. Alex spürte den Neid, die Missgunst und war traurig und fühlte sich einsam.

Eigentlich verbrachte sie den ganzen Tag in ihrer Wohnung und las, stopfte sich das süße Zuckerzeug rein, hörte Musik und versuchte mehr Informationen über dieses „Hummel-Paradoxon“ zu erhalten. „Wir können doch fliegen!“ dachte sie sich so oft. Sie unterhielt sich auch mit Medizinern, die ihr erklärten, wie die Flügel aufgebaut sind. Die Gelenke, die, die Flügel bewegten. Fast ein kleines Studium der Aerodynamik war nötig, dass Alex erklären konnte, warum die Hummeln doch fliegen können. Sie wollte das dem Vorstand vorstellen, durfte aber nicht. „Wir fliegen und Basta!“ war die Antwort auf Ihre Anfrage.

Sie zog sich zurück und bemerkte, wie sie immer dicker wurde und beim Versuch auf den Gängen zu fliegen, konnte Alex sich anstrengen wie sie wollte. Das Fliegen auf der Vorstandsetage war übrigens verboten.

Sie konnte nicht mehr fliegen. Sie krabbelte, wie alle anderen „da oben“. Nach ein paar Jahren starb sie einsam.

Beim Ausräumen der Wohnung von Alex las die junge Arbeiter-Hummel in einem Buch mit dem Titel: „Warum der Vorstand nicht fliegen kann“.

Schönen Abend und einen famosen Start in Euer Wochenende.

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12 Gedanken zu „Hummeldumm?

  1. Da sieht man‘s wieder: bloß nicht alles glauben, was man liest, hört oder gesagt bekommt 😉. Sondern den eigenen Erfahrungen, dem Bauch und den Flügeln (Gedankenflügen) vertrauen.
    Im nächsten Leben wird Alex als Elfe wieder geboren, die gibt es ja angeblich nicht 😉 und wer weiß, vllt überlistet sie ja die grauen Herren 😎.
    LG

    1. Aus der Serie „teekay deckt auf“ ist heute eine investigative Höchstleistung online gegangen. Schau mal rein 😉 DAS darfst ruhig glauben.
      Wiedergeburt als Elfe, das wünsche ich mir auch. Oder ersatzweise als Catweazle 😃

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