Die Kiste [#WritingFriday] Week 34

Heute habe ich wieder etwas Zeit und ich freue mich, Euch wieder einen Beitrag für den Writing Friday schreiben zu dürfen. Mein letzter Beitrag ist nun auch schon drei Wochen her… Danke Elizzy für die Inspiration.

Folgendes Thema habe ich gewählt:

  • Schreibe eine Geschichte zu folgender Situation; Du betrittst einen schummrigen, alten Laden und kaufst …(Platz für eigene Idee)… dafür wirst du dann aber verfolgt.

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Die Kiste

Nach einer kurzen Nacht und wirren Träumen mache ich mich nach dem ersten Espresso auf den Weg. Zünde mir draußen vor dem Hotel auf der Straße eine Zigarette an und gehe in Richtung Innenstadt. In Richtung der Ströme von Geschäftsleuten und Touristen. Es ist kühl geworden, es regnet. Den Kragen meiner Jacke hochgeklappt, mit gebeugtem Kopf gehe ich zügig durch die belebten, nassen Strassen. Gestern Abend bei angenehmen Temperaturen noch im Park mit Freunden eine Party gefeiert, heute alles grau und ungemütlich. So ist das Wetter hier halt.

Meine liebe Freundin hat mich zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen und ich möchte ihr etwas mitbringen. Nicht die übliche Flasche Sekt oder Wein, keine Blumen. Darauf steht sie eh nicht. Etwas Besonderes, weil sie eben auch etwas Besonderes für mich bedeutet. Keine Idee, was ich ihr mitbringen könnte. Ich habe die Hoffnung, dass ich in der Stadt was finde.

Nicht, was ich dafür ausgebe, ist wichtig, sondern es soll etwas Einzigartiges sein. Diesen Anspruch habe ich. Diese eine Gasse, die gerade mal so breit ist, dass zwei Menschen aneinander vorbeikommen, zieht mich förmlich an. Ich betrete sie. So oft muss ich schon daran vorbei gegangen sein, ohne sie zu bemerken. Gerüche von frisch zubereitetem Essen, ich höre ein Klavierstück, eine schwarze Katze, die sich an mir vorbeischlängelt.  Stimmen aus den Fenstern über mir. Ganz wenige Menschen, die sich hierhin verirrt haben. Entfernt die Sirene eines Polizeiwagens. Die Geräuschkulisse der Großstadt verstummt fast. Nach ein paar Metern entdecke ich diesen Laden. Antiquitäten? Nein! Schmuck, ein wenig. Im trüben Schaufenster kann ich kaum erkennen, was dieses Geschäft anzubieten hat.

Also betrete ich diesen schummrigen Laden. Ein Inder sitzt auf einem kleinen Stuhl in der Ecke und begrüsst mich freundlich. Fragt mich mit deutlichem Akzent, was ich denn suche. Ich sage ihm, dass ich für eine liebe Freundin ein besonderes Geschenk suche. Er zeigt mir Seidentücher, Armkettchen und allerlei Dinge, die man überall bekommt. Ich sage ihm, dass ich mich etwas umschauen möchte. Der freundliche Inder setzt sich daraufhin wieder auf seinen Stuhl und nickt wohlwollend. „Take your time, Sir and if you need me…“  Er lächelt.

Verschiedene Teetassen, Räucherstäbchen, billige Buddha-Figuren und allerlei bunter  Kleinkram. In einer anderen Ecke entdecke ich zwischen altem Silberbesteck und Geschirr ein paar Holzkistchen. Große, kleine, zum Teil verziert, viele neu, aber auch gebrauchte Stücke. Eine davon finde ich besonders interessant. Schriftzeichen, die ich für arabisch halte, sind am oberen Rand als Verzierung eingearbeitet worden. Ansonsten feine und dem Kistchen schmeichelnde Intarsien. Das dunkle, gepflegte und fein gemaserte Holz, welches ich nicht bestimmen kann, hat diese Patina, die ich so sehr an diesem Werkstoff liebe. Ein paar kleine Schubladen unten und ein großer Deckel, der dann weitere die Unterteilung in ein paar Fächer preisgibt. Ich finde diese Kiste bezaubernd.

Von einem Arbeitsmeeting bei Jude (alle nennen sie so, sie heisst eigentlich Judith und kommt aus Deutschland) weiss ich, dass sie sich für ihren antiken prächtigen Schreibtisch etwas wünschte, worin sie ihren ganzen Kleinkram unterbringen könnte. „Alles, was es so zu kaufen gibt, gefällt mir nicht und passt auch nicht zu meinem Schreibtisch…“ erzählte sie mir. Ich erinnere mich gerne zurück an dieses Arbeitsmeeting vor vier Wochen bei ihr zuhause, welches dann so angenehm war, dass wir den ganzen Abend noch diskutiert, gelacht und Musik gehört haben und uns näher gekommen sind.

Ich denke, diese Kiste soll es sein. Zwei der kleinen Schubladen öffne ich, alle  mit dunkelrotem Samt ausgelegt. Ich nehme einen ganz leichten, blumigen Geruch wahr., den die Kiste preisgibt. Das gesamte Kunstwerk ist wirklich sehr gepflegt. „Jude wird daran ganz bestimmt eine Freude haben“, denke ich mir. Über die Zeit, die wir uns kennen, glaube ich, ihren Geschmack einigermassen zu kennen. Ich schaue mich um, der freundliche Inhaber, ich vermute mal, dass es der Inhaber ist, plötzlich verschwunden. Ich habe das gar nicht mitbekommen, so sehr hat mich das Kistchen in seinen Bann gezogen. Ich sehe ihn nicht. Rufe nach ihm, keine Reaktion.

Hinter einem dicken Vorhang höre ich Stimmen, seine und die einer Frau. Ich verstehe nichts, nur Gemurmel. Ich rufe nochmal und er kommt aus einem Nebenzimmer und wieder dieses freundliche Lächeln, dass man gar nicht anders kann, als dieses geschenkte Lächeln zu erwidern. Ich frage ihn, was diese Kiste kosten soll. Zunächst zögert er und nennt mir einen ziemlich hohen Preis, der aber durchaus verhandelbar ist, wie ich schnell merke. Wir werden uns einig. Also bin ich jetzt für kurze Zeit der Besitzer dieser schmucken und sicherlich einzigartigen Kiste, bis ich sie Jude übergeben werde. Mit dieser typischen Namasté Geste verabschiedet er mich und wünscht mir alles Gute und meint, ich möge gut auf das Schmuckstück aufpassen.

Ich wieder zurück in der kleinen dunklen Gasse, der Regen ist übergegangen zu einem fiesen Nieselregen. Ich beschliesse, mir zunächst ein Café zu suchen, um dort zu frühstücken. So langsam müsste feste Nahrung auch wieder möglich sein. Raus aus dieser fast unheimlichen, versteckten und dunklen Gasse auf eine der belebten Strassen in dieser Metropole. Die gelben Taxis, Polizeiautos und hektisch umherlaufende Menschen. Ein Mann rennt mich fast um, wie er in sein Handy schreit und Ausdrücke benutzt, die ich hier nicht wiedergeben möchte.

Dort drüben ist ein Café, welches ich direkt ansteuern werde. Wie ich über die Ampel gehe, sehr zügig, weil die Grünphasen selbst für einen gesunden Menschen lächerlich kurz sind, bemerke ich, wie mir eine Frau folgt und mir näher kommt. Ich halte kurz an, wie ich auf der anderen Strassenseite angekommen bin. Die Frau spricht mich sofort an.

„Diese Kiste… sie gehörte mir…. jetzt haben sie sie gekauft, schrecklich… eigentlich, aber ich musste“.

Sie schien sehr durcheinander zu sein.

„Wollen wir zusammen ins Café gehen und uns in aller Ruhe unterhalten?“

Sie nickt. Wie wir die Bestellung aufgeben, wird sie ruhiger. Streicht sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht und ich schaue in ihre ängstlichen und doch wunderschönen dunkelbraunen Augen.

„Na, was ist denn mit der Kiste, ich bin Tom, übrigens“.

„Sue, sorry“

Sie schaut auf die Kiste und murmelt, dass sie sie eigentlich gar nicht verkaufen wollte, aber Geld brauchte und dann hätte sie bemerkt, dass ihr etwas fehlt. Sie vermutet, dass es in der Kiste war und der Inder es herausgenommen hätte. Ich sehe ihren verzweifelten Blick und frage, was denn so Wertvolles in der Kiste war.

Sie sagt leise:“ eine Münze, die mir sehr viel bedeutet!“

„Du bist Dir sicher, dass Du die Münze in der Kiste hattest?“

„Ja, ich habe sie überall sonst gesucht, ganz bestimmt war sie da drin“

„Sie ist Dir sehr wichtig, hmm? Wo hattest Du sie denn, in welchem Fach?

Ich gebe ihr das Kistchen und sie öffnet eine Schublade nach der anderen und wirft auch einen Blick in das große Fach unter dem Deckel.

„Nichts, die Münze ist weg, ich wusste es!“

Und wie sie mir das Kistchen wieder gibt, höre ich etwas.

„Warte mal…“

Ich nehme das Kistchen, öffne alle Schubladen und bemerke, dass sich eine der Schubladen recht schwer öffnen lässt.

„Da klemmt was…“

Nach einigem Hin- und Her habe ich herausgefunden, wie man die kleinen Schubladen ganz herausziehen kann. Nachdem ich das gemacht habe, findet sich doch tatsächlich eine kleine Münze. Eine Münze, die ich noch nie sah. Ich gebe sie ihr.

„Ist sie das?“

Ihr verzweifelter Gesichtsausdruck weicht einem strahlenden Lächeln. „Sie hat ein so freundliches und hübsches Gesicht“, denke ich mir in diesem Augenblick.

„Ja, Danke Tom, ich gehe jetzt gleich nochmal in den Laden zurück und entschuldige mich beim Inhaber des Geschäfts, ich habe ihm unrecht getan!“

„Darf ich fragen, warum Dir diese Münze so viel bedeutet?“

Sue trinkt ihren Kaffee leer und steht auf. Lächelt.

„Tom, gib mir bitte noch Deine Telefonnummer, ich möchte Dich zu einem Abendessen oder Lunch einladen, Du hast mir sehr geholfen…“

Wie sie sich neben mich stellt, nehme ich wieder diesen blumigen, einzigartigen Geruch wahr.

Ich gebe ihr meine Visitenkarte und Sue verlässt das Café.

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Foto pixabay


Die Regeln im Überblick

  • Jeden Freitag wird veröffentlicht
  • Wählt aus einem der vorgegeben Schreibthemen
  • Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben
  • Vergesst nicht den Hashtag #WritingFriday und den Header zu verwenden
  • Schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch!
  • Habt Spass und versucht voneinander zu lernen

Schreibthemen / Schreibaufgaben August

  • Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Luna war so verliebt aber niemand hätte damit gerechnet, dass…“ beginnt.
  • Beschreibe einen Tag im Leben einer Plastikflasche.
  • Schreibe eine Geschichte zu folgender Situation; Du betrittst einen schummrigen, alten Laden und kaufst …(Platz für eigene Idee)… dafür wirst du dann aber verfolgt.
  • Schreibe eine Danksagung an dein Bücherregal.
  • Du bist Paartherapeutin, erzähle von einer Sitzung.


 

 

 

13 Replies to “Die Kiste [#WritingFriday] Week 34”

    • Oh wie schön. Lieben Dank.
      Ich war mir nicht ganz sicher, ob das ankommt, wenn ich alles in der Gegenwart schreibe und ob die Idee mit dem Kistchen nicht doch etwas einfach ist…
      Liebe Grüsse
      Thomas

      • Es ist genauso richtig und schön wie du es geschrieben hast, ich würde da jetzt nichts verändern. Zumal du auch sehr bildhaft geschrieben hast, ich konnte mich da sehr leicht hineinversetzen.
        Die Idee mit dem Kistchen ist doch ganz gut. Wer bekommt schon so etwas geschenkt.

        • Nochmal Dankeschön… ja, die Story hat sich so in meinem Hirn zusammengebaut und dann musste ich das nur noch runterschreiben… geht dann ganz fix. Ändern tu ich da nix mehr dran… habe die Erfahrung gemacht, dass es dann nur schlechter wird.

  1. Lieber Thomas… supertolle Anregung seine Erfahrungswerte mit ein wenig Phantasie spielen zu lassen…leider kann ich aus dem Ort an dem ich mich befinde…keine brauchbaren Ideen hervorbringen…seidenn das rätselhafte Bild an der Wand vor mir… wäre eine Geschichte Wert…nur im Augenblick wird versucht das Fieber zu drücken…das mich seit 4 Tagen festhält…
    Alles Feine…nette Liebe Euch/dir…die zuza.

    • Liebe zuza,

      schön, von Dir zu hören, wobei mich das, was Du schreibst beunruhigt. Ich hoffe, dass das Fieber in den Griff zu bekommen ist. Schön, wenn Dir gefallen hat, was ich da zusammengetippelt habe.
      Alles Gute Dir weiterhin und vor allem eine ruhige und erholsame Nacht.
      Liebe Grüsse und meine herzlichsten Genesungswünsche
      Thomas

  2. Hey Thomas,
    sehr mysteriös und spannend. Deine Geschichte macht neugierig, was hinter der Schatulle und der Münze steckt. Manchmal sind aber gerade Geshcihcten, die ihre Geheimnisse nicht preis geben am besten.
    Grüße, Katharina.

    • Hi Katharina,

      vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung… ich hab so ein paar Ideen, wie es weitergehen könnte… mal sehen.

      Liebe Grüsse und einen schönen Abend
      Thomas

  3. Pingback: Die Kiste Teil 2 – Thomas hier…

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