Rückspiegel

Auch wenn ich mir heute vorgenommen habe, den Tag ganz „gechillt“ anzugehen, eine kleine Begebenheit, die mich inspirierte etwas zu schreiben…

RS-23

Ich war heute zur Mittagszeit einkaufen und wie ich auf dem belebten Parkplatz meines Lebensmittelmarktes ankam, fuhr ich glatt an einem freien Parkplatz vorbei. „Kein Problem“ dachte ich, „parke ich rückwärts ein.“ Über meine meisterlichen, preisgekrönten Einparkkünste habe ich ja bereits in meinem Beitrag „Frauen“ berichtet. Zack, Wagen steht, Rückwartsgang eingelegt, Blinker gesetzt, damit meine werten anderen Verkehrsteilnehmer meine Absicht erkennen, dass ich mir diese großzügige Parklücke als das temporäre Domizil meines schwarzen Boliden ausgewählt habe. Hupkonzert und ein wild gestikulierender Zeitgenosse hinter mir, der mit ca. 10cm Abstand auffuhr. Hinter ihm war kein anderes Fahrzeug, also bin ich davon ausgegangen, dass er eigentlich meine Absicht, nämlich mein Fahrzeug rückwärts in die Parklücke zu lenken, erkannt haben sollte. Leider nicht. Erneut hat er die akustische Warneinrichtung (wie sie lt. StVZO offiziell heisst) betätigt. Immer noch am Fuchteln und die Gesten, die er mir zeigte, wie ich nach hinten schaute, waren nicht derart, dass ich vermuten musste, dass er besonders begeistert war über mein Vorhaben. Ein anderer wäre vielleicht einfach weitergefahren und hätte sich den nächsten freien Parkplatz gesucht. Ich nicht!

Ich bin ausgestiegen, tiefenentspannt (gechillt) und wollte dann doch nachfragen, was an meinem gesetzten Blinker und eingelegtem Rückwärtsgang so schlecht zu verstehen war. Ich bin ja auch immer gerne bereit, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Ich wollte ihm das erklären. Er schrie mich an, noch bevor ich an seinem Wagen ankam. „Ich hab’s eilig, fahr doch endlich weg, Du…“ Welches Schimpfwort er nun benutzen wollte, weiss ich nicht, war ich doch jetzt bedrohlich nah an seinem geöffneten Fenster. Er wurde leiser und irgendwie kleiner in seinem Sitz. „Guter Mann, eine Frage: was heißt das denn, wenn jemand den Blinker setzt und den Rückwärtsgang einlegt?“ Keine Antwort zunächst. Dann: „Hast Du nicht gesehen, dass ich hinter Dir bin, hast Du keinen Rückspiegel?“ Ich überlegte kurz, woher wir uns kennen. Ich bin es mittlerweile gewohnt und schätze das auch, wenn sich Menschen immer mehr duzen, im Apple Store, bei Ikea, aber mir wollte partout nicht einfallen, woher ich diesen Menschen kenne. Mein Gedächtnis? Egal. Ich habe ihm von meinem, sicherlich auch etwas verrückten, Vorhaben erzählt, genau diese Parklücke per Rückwärtsbewegung nutzen zu wollen. Mittlerweile haben sich andere liebenswerte Verkehrsteilnehmer hinter meinem beratungsresistenten Mitbürger mit ihren Fahrzeugen versammelt, die auch leicht verwundert waren, haben die meisten ja auch am Samstag etwas anderes zu tun, als auf dem Parkplatz zu stehen. Mit dem Satz:“Ich geb’s auf und wünsche Ihnen einen wunderbaren Samstag“ setzte mich wieder in meinen Wagen und siehe da, drei Wagenlängen vor mir wurde eine Parklücke frei, die sogar ich bequem vorwärts nehmen konnte.

Während meines Einkaufs und vorher bei sportlicher Aktivität habe ich viel über diese Frage nachgedacht, ob ich keinen Rückspiegel hätte. Gewiss habe ich einen, aber ist es denn immer sinnvoll, nach hinten zu schauen, dass was vor uns liegt, ist doch viel interessanter. Das was hinter uns liegt, ja dafür brauche ich den Rückspiegel, aber was sehe ich? Die Parklücke, die ich hätte nehmen können, die Situationen, die ich vielleicht anders gemeistert hätte? Im Rückspiegel, so nenne wir mal unser Gedächtnis, sieht man oft auch nur die negativen Dinge. Nützt das, sich diese immer wieder in Erinnerung zu rufen? Sicher kann man durch den Aufruf von positiven Erlebnissen, seine Zeit im hier und jetzt gestalten, aber wer macht das schon? Und vor allem, wer macht das bewusst und mit der Absicht, die negativen Dinge auszublenden. Und wenn man dann so seinen eigene Film ansieht, würde man es anders machen, wenn man nochmal die Chance dazu hätte? Viele Konjunktive, weil wir unsere Vergangenheit eh nicht ändern können. Also, den Blick nach vorn! Wenn man die Assoziation mit dem Auto wieder nimmt, nach vorne ist der Ausblick doch auch viel schöner und breiter! Im Rückspiegel sehen wir nur einen kleinen Ausschnitt.

Und auch heute, wie wir uns Gedanken um die Opfer der aktuellen Katastrophe in München Gedanken machen. Ja, trauern, Mitgefühl für die vielen Angehörigen und Freunde. Die Medien helfen uns sehr…

In Kabul sind übrigens 61 Menschen getötet und 207 bei Bombenanschlägen verletzt worden. Nur mal so als Randinfo!

Ein paar Worte, die ich schon ein paar Mal in Kommentaren so oder ähnlich verwendet habe:

Ich habe einen Freund in Paris, der die Anschläge damals hautnah 
mitbekommen hat. Er sagte mir: Merde, was da alles passiert ist, heute 
trauern wir um die Opfer, aber wir Pariser werden nicht unser Leben 
ändern, schon morgen werde ich wieder meinen Espresso in meinem 
Lieblingscafé zu mir nehmen und ich werde mich dann auch wieder mit 
meinen Freunden treffen…


Wenn ich bedenke, dass ich in meinen 4 Jahren in München so oft im OEZ 
war… Es ist einfach nur bedrückend! 


Aber das Leben genießen, jeden Moment, das dürfen uns diese Wahnsinnigen nicht nehmen!

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein friedliches, inspirierendes Wochenende mit vielen Glücksmomenten.

 

 

Diesen Beitrag teilen?

40 Replies to “Rückspiegel”

  1. Meinen Rückspiegel benutze ich mehrheitlich um die Fahrspur zu wechseln. Denn mein Weg ist geradeaus und mit der Gewissheit, dass ich immer meinen Platz finde.
    Danke dir für diesen Text und deinen gechillten Schreibstil.

  2. Sehr schön und mit mehrfach Bedeutung beschrieben lieber Thomas, ein Text zum nachdenken, welcher mir sehr gut gefällt.
    Ich sage oft, je schlechter die Vergangenheit, desto wichtiger der Blick nach vorne. Das Gestern können wir nicht ändern, auf das morgen haben wir noch Einfluss. Lebe und genieße jeden einzelnen Tag der schön ist und zehre davon in schlechten Zeiten.

    Was dieses spezielle Erlebnis auf dem Parkplatz angeht. Okay, da hätte ich früher gelächelt und gedacht, gut gemacht.
    Persönlich reagiere ICH heute in solchen Situationen anders, ich nehme es einfach schweigend hin und weiche, einfach, weil ich weiß, wie schnell heute Menschen aggressiv werden und scheinbar harmlose Situationen eskalieren. Ich bin einmal dabei gewesen bei einem Streit um einen Parkplatz, am Ende zog einer das Messer…
    So etwas möchte ich nicht erleben, von daher gebe ich einfach nach und verlasse den Schauplatz.

    • Ein Risiko wäre ich da auch nicht eingegangen, aber der Typ ist mir da einfach extrem auf die Nerven gegangen. Und so wie ich es beschrieben habe, in ihrem Kokon fühlen sie sich stark. Direkte Konfrontation ist dann doch nochmal was anderes 😉

      Aber es ging ja eigentlich nicht um den Hup-Meister, er hätte einen Blogbeitrag nicht verdient…

      Aber fein, dass Dir gefällt, was ich zusammengetippselt habe. Danke für Deine lieben Worte.

      Einen schönen Abend Dir
      LG
      Thomas

  3. Das ist toll und sprtitzig geschrieben. Und was den Rückspiegel betrifft: im Auto ist der ja sinnvoll und auch notwendig, da ab und an mal reinzuschaun. Im leben sollte man den Rückspiegel igrnorieren….. man sieht da all zu oft irgendwelche Vollpfosten.
    Moment… sorry, ja im Autorückspiegel kann man die auch manchmal sehen….

  4. Grins. Flüssige Story.

    „Bolide“ ist mir aufgefallen…Meine Autos waren immer Autos und Rückspiegel, Rückspiegel

    😉

    Autofahren hat mir selten gefallen und Einparken überhaupt nicht.

    Gut gefallen hat mir: “Ich geb’s auf und wünsche Ihnen einen wunderbaren Samstag.“

    Terror und Unfassbares ist überall und das war immer so. „Was wir in uns nähren wächst“ heißt es: ich versuche so etwas auszublenden, wenn es möglich ist.

    Herzlichst,
    Frank

    • Hihi… das mit dem Boliden, so nenne ich manchmal liebevoll meinen Kleinwagen.
      Das mit dem Terror, wenn das weltweit immer und überall passiert, scheint das nicht so schlimm zu sein… Auch Nizza war relativ schnell vergessen.
      Liebe Grüße
      Thomas

      • …Terror ist immer schlimm und war immer schlimm.

        Und die neue Form des Terrors ist durch die Medien erst so „interessant“ geworden. Gäbe es diese Form der Berichterstattung nicht…

        Liebe Grüße,
        Frank

  5. Super Text, lebendig, frisch und mit einer gutdosierten Prise Humor versehen! Deine Art zu denken und zu schreiben gefällt mir total 🙂 Gerne werde ich noch mehr deiner Beiträge lesen.

  6. Als Frau im SUFF fahr ich kackfrech da rein und mach danach den hilflosesten Augenaufschlag, den du dir vorstellen kannst, entschuldige mich unterwürfigst für meine Kurzsichtigkeit bei dem wütenden DasistmeineParklückeParkenwoller, betätige die Fernbedienung und stöckel powackelnd davon 😎

    • Hmm… schön beschrieben, kann ich mir jetzt bildlich vorstellen. Danke…
      Bei mir würde das nicht so ziehen, glaube ich 😂
      Und weißt was? Ich glaube, ich würde Dir dann auch noch zulächeln. Frau darf das bei mir 😊
      Da fällt mir grad ein, wie ich mal so richtig angezickt wurde von ner Mami ohne Kind dabei, weil ich auf nem Mutter-Kind Parkplatz stand 😳
      Hihi, war auch ganz witzig. Ich frag sie mal, ob ich das bloggen darf. Hab ja ihre Handynumner seitdem… 😉

  7. Im Leben vorwärts schauen und im Hier und Jetzt leben. Im Auto in den Rückspiegel schauen, um zu gucken, was für Idioten hinter einem fahren … Kann mir die Situation lebhaft vorstellen.

  8. Also Thomas, dass geht ja heiß her bei dir. Ich habe das auch schon erlebt, mich kostet das nur ein 😊. Lass dich nicht ärgern, Nervensägen gibt es überall. Liebe Grüße von hier, ich sitze am Wasser und trinke Blackberry Mojito. Ach so entspannend… 😊

    • Hihi, normalerweise, weißt ja, tiefenentspannt, ist mir sowas auch egal, aber da musste ich ja zumindest mal nachfragen. Ich mache oft so Sachen, die man normalerweise nicht macht. Kürzlich beim Einkaufen ging meine EC Karte nicht. Ist ja ne doofe Situation, aber die Verkäuferin hat das Ding falsch eingesteckt. Sag ich:“Oh ist die schon wieder gesperrt?“ 😃 Ich bin da manchmal nicht so zurückhaltend. 😊
      Ich hoffe Du hast den Abend genossen, hörte sich sehr entspannt an…
      LG
      Thomas

  9. Gut geschrieben und der Gedanke mit dem Rückspiegel, den wir im täglichen Leben nicht so oft benutzen sollten, gefällt mir gut bzw. kann ich vollstens unterstützen ! Ich werde mich hier in Kürze weiter umsehen. Dir danke ich fürs Folgen und bin gespannt, auf was für Geschichten ich hier noch stoße 🙂 Fängt jedenfall schon mal gut an !!

    • Danke für das schöne Kompliment.
      Kleiner Tipp, wenn Du mal etwas mehr Zeit hast. ich war selber erstaunt, aber meine Kurzgeschichte „Alles anderes“ soll, wenn ich den Kommentaren glauben darf, nicht ganz so schlecht sein, 7 Teile davon gibts schon…
      Und für das Folgen… da nich für!
      Liebe Grüsse
      Thomas

  10. Wow, das hast du echt schön geschrieben! Vor allem finde ich Leute immer sehr interessant, die sich nicht über solch einen Vorfall ärgern, sondern etwas Positives daraus ziehen. Und es ist echt bewundernswert, dass du von einem Gespräch gleich auf solche Gedanken kommst 🙂 Wir sollten wohl alle mehr zuhören und nachdenken…

    Liebe Grüße, genieß den Abend!

Schreibe eine Antwort zu waehlefreude Antwort abbrechen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.